Altern begreifen – Perspektivwechsel mit Hilfe von Alterssimulations- anzügen am Beispiel eines Veranstaltungsbesuches in der Stadthalle Braunschweig

Altern begreifen – Perspektivwechsel mit Hilfe von Alterssimulations- anzügen am Beispiel eines Veranstaltungsbesuches in der Stadthalle Braunschweig
September 8, 2017 Arton Kabashi

Wir werden alle älter und diejenigen, die ein hohes Alter erreichen, werden immer mehr. Dies ist zunächst eine gute Nachricht. Aber wie steht es um die Teilhabe am öffentlichen Leben, z.B. einem Konzert-Besuch, wenn es ohne Hilfsmittel beim Gehen nicht mehr geht, die Augen schwächer, der Blickwinkel eingeschränkter und der Tast- und Hörsinn spürbar nachlassen. Werden auf die Bedürfnisse älterer Menschen Rücksicht genommen oder müssen sie vieles einfach in Kauf nehmen, inklusive einiger genervter Blicke der Menschen in der Schlange hinter ihnen, wenn sie die 1 €-Münze für die Garderobe nicht schnell genug aus dem Kleingeld-Portemonnaie bekommen?

Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Sanierungsmaßnahmen der Stadthalle Braunschweig, die 2020 beginnen sollen. Die Sanierung stellt auch eine Chance da, die Veranstaltungsorganisation im Sinne der Bedürfnisse älterer Menschen / Menschen mit Beeinträchtigungen zu optimieren. Und da die Erkenntnisse, die ganz praxisnah am „eigenen Leib“ erfahren werden am effektivsten sind, sind die MitarbeiterInnen der Stadthalle Braunschweig Betriebsgesellschaft mbH nach einer theoretischen Einführung über altersbedingte Einschränkungen in einen Alterssimulationsanzug „gestiegen“. Der Anzug macht die Wahrnehmungswelt älterer Menschen durch Einschränkungen des Sehens, Bewegens, Hörens, der Kraft und des Tastsinns, erlebbar. Die MitarbeiterInnen, unterschiedlichen Alters (von 19-57 Jahren) und unterschiedlicher Konstitution, verwandelten sich innerhalb von 5 Minuten zu einer Person zwischen 70 und 85 Jahren mit den für diese Altersgruppe typischen körperlichen Einschränkungen. So „ausgestattet“, absolvierten sie einen festgelegten Parcours, der einen Veranstaltungsbesuch in der Stadthalle simulierte: von der Einfahrt für PKW, inklusive Bedienung der Schrankenanlage, über die Rabattierung des Tickets und Garderoben-Abgabe im Foyer, der Nutzung der Treppe oder des Fahrstuhls hinauf in den Veranstaltungssaal bis hin zu dem vorgegebenen Sitzplatz im Großen Saal. Auf dem Rückweg sorgte ein Gang zur Toilette oder die Bestellung beim Catering des Pausengetränkes für einige Umwege. Für die Protagonisten und die mitlaufenden „Beobachter“-KollegInnen stand dabei im Fokus, Erkenntnisse über etwaige Hindernisse und Hemmnisse für den „Parcours-Läufer“ zu gewinnen, wo ist er auf Hilfe angewiesen war, welche (versteckten) Stolperfallen es gibt, welche Abläufe sich im Veranstaltungsbetrieb besser organisieren lassen könnten. Die Ergebnisse wurden gleich vor Ort in Auswertungsbögen festgehalten und gemeinsam besprochen.

„Wir waren doch erstaunt, wie viele Kleinigkeiten uns aufgefallen sind, die insbesondere für sehbeeinträchtige Menschen echte Hindernisse darstellen, die aber mit relativ wenig Aufwand, wie beispielsweise die Hervorhebung durch Kontraste einfach behoben werden können“, sagt Karin Schwanke, Betriebsmanagerin der Stadthalle Braunschweig. Andere Ergebnisse, die größere Maßnahmen erfordern, wie z.B. eine für Ältere angenehmere Treppen- und Geländergestaltung, werden bei den Planungen zur Sanierung der Stadthalle Braunschweig miteinfließen.

Neben den konkreten Verbesserungsvorschlägen und Ideen, die im Rahmen des Workshops gesammelt worden sind, war es für die „Anzug-Träger“ auch persönlich eine bemerkenswerte Erfahrung. „Man kann sich plötzlich sehr lebhaft vorstellen, wie einschränkend es sein kann, wenn man Dinge nicht mehr richtig sieht und hört, nicht schnell genug ist. Und dass der Gedanke dann nicht fernliegt, solche Situationen zu umgehen. Aber das ist dann genau das Gegenteil von „Teilhabe“, fasst Konstantin Köchy aus dem Team Veranstaltungstechnik seine Eindrücke zusammen.

Der Workshop ist Bestandteil des Nachhaltigkeitsmanagements der Stadthalle Braunschweig Betriebsmanagement mbH. Die Stadthalle und Volkswagen Halle sind erfolgreich mit dem Umwelt-Siegel „Green Globe“ zertifiziert. Die Bewertungskriterien der Green-Globe-Zertifizierung umfassen ökologische, ökonomische aber auch soziale Aspekte des Nachhaltigkeitsprinzips. „Das heißt für uns, dass wir als Unternehmen auf gesellschaftliche Entwicklungen entsprechend reagieren und auch dafür verantwortlich sind, unser Umfeld zu sensibilisieren. Der Perspektivwechsel mit Hilfe von Alterssimulationsanzügen ist dafür ein gutes Beispiel“, betont Stephan Lemke, Geschäftsführer der Stadthalle Braunschweig mbH.

Alterssimulationsanzug „MAX“

Der modulare Alterssimulationsanzug „MAX“ wurde auf Initiative der AutoUni, der Audi AG und der Volkswagen Konzernforschung von der TU Chemnitz entwickelt. Erkenntnisse aus über 200 wissenschaftlichen Studien der Medizin, Gerontologie, Sportwissenschaft und Arbeitswissenschaften liegen der Entwicklung zu Grunde. Der Anzug wird von der Wolfsburg AG verliehen und die Schulungen/ Workshops durch geschultes Personal betreut und durchgeführt.